Matinee mit Jonathan Gilad
Manche ihrer Stipendiaten sollte die Mozart-Gesellschaft ein leben lang im Auge (und Ohr) behalten.
Wie Pianist Jonathan Gilad.
Als 14-Jährigen haben die Mozart-Freunde den Franzosen kennen gelernt, und 1997 zum Stipendiaten gemacht. /.../ Eine reife Pianisten-Persönlichkeit ist aus Gilad geworden, ein kluger Denker an den Tasten, ein brillanter Techniker und ein Pianist, der seinem Spiel aber auch die Frische und Spontaneität bewahrt hat, die das klassisch-romantische Wiener Programm brauchte. /.../
Mozarts Klaviersonate KV 333 /.../ besprühte Gilad /.../ mit dem Parfum Beethovens. Dessen typische Akzente hörte man schon in den virtuosen Ecksätzen. Die geistige Tiefe des langsamen Satzes lotete er aus – wie ein Vorgriff auf Schuberts Klangwelten, die er nach der Pause öffnete. Dazwischen spielte der Franzose Beethovens op. 2, 3 /.../. /.../ er verstand es vorzüglich, die fantasieartigen Freiheiten des Beethoven Werks klar zu strukturieren. Seine Interpretation von Schuberts c-Moll-Sonate aus dem Todesjahr, die eins der meist gespielten Werke des Schubert-Wettbewerbs sein wird, hätten viele Wettbewerbs-Teilnehmer hören sollen. Ruhe und Kraft lotet der Franzose vorbildlich in seinem Spiel aus. /.../
Die neue Spielzeit hat auch bei der Dortmunder Mozart Gesellschaft begonnen: Gestern bestritt der Pianist Jonathan Gilad die Auftakt-Matinee im Konzerthaus – und konnte sein außergewöhnliches Talent unter Beweis stellen. Der 27jährige Franzose ist ein Multitalent: Er ist diplomierter Ingenieur, aber zum Wohlgefallen der zahlreich erschienenen Zuhörer auch ein vorzüglicher Musiker. /.../
Das technisch anspruchsvolle Werk [Mozarts Klaviersonate B-Dur KV 333] benötigt einen sensiblen Gestalter, der alle musikalischen Parameter fest im Griff hat. Gilad wurde diesem Anspruch gerecht; mit kultiviertem Klang und dem geschickten Aufbau der dynamischen Strukturen bereitete er den Mozartfreunden einen gelungenen Start in die neue Spielzeit. Vom lebhaften Kopfsatz, den Gilad durch abrupte Wechsel der Schattierungen strukturierte, bis hin zum vorwärtstreibenden vierten Satz hielt der Künstler die musikalische Spannung
aufrecht /.../. Auch sie [Schuberts c-moll Sonate Nr. 19] zeichnet sich durch höchste spieltechnische Anforderungen aus, die Gilad dezent meisterte. Nie agierte der Künstler mit übertriebenem Pathos./.../
Mit zwei Zugaben, einem Brahms-Capriccio und Frederic Chopins Fantasie-Impromptu, endete ein gelungener Vormittag.
/.../ das Cello von Andrea Amati aus dem Jahr 1566 vermag Klassikfreunde ebenso zu begeistern wie Bergers beherzter Zugriff, seine technische Souveränität und sein sensibles Klangempfinden.
Einen sehr schönen nasalen Klang hat das Cello. In Haydns D-Dur-Konzert spielte Julius Berger die Qualitäten seines berühmten Instruments vortrefflich aus. Wunderbar viel Substanz hatte der Klang im behutsam geformten Pianissimo des langsamen Satzes; mit engergischem Strich und einem dichten Ton spielte der 53-jährige Solist den ersten Satz aus /.../.
DAS CELLO
Das Cello von Julius Berger ist eines der ältesten der Welt. Andrea Amati baute es 1566 /.../. Berger spielt das Cello seit drei Jahren – Dank der Mozart-Gesellschaft und ihrem Vorsitzenden Peter Wiegmann. Vor drei Wochen war das Instrument das Prunkstück der Ausstellung zu Amatis 500. Geburtstag in Cremona.
EIN KOSTBARES CELLO IN DEN BESTEN HÄNDEN
/.../ Als Solist bei Joeph Haydns Cellokonzert D-Dur zeigte er [Julius Berger] der Dortmunder Mozart Gesellschaft, was das wertvolle Instrument klanglich zu bieten hat. Dabei schonte er es keineswegs: Schon bei der Themenvorstellung des ersten Satzes wählte der Cello-Professor aus Augsburg eine intensive Tongebung. Keineswegs zurückhaltend ging Berger die hochvirtuose Kadenz an. Dezenter wurden die Klänge erst gegen Ende des Adagios – doch auch die weniger emphatischen Passagen waren stimmig und von erstaunlicher klanglicher Präsenz. /.../
Zusammen mit Berger musizierte das groß besetzte Orchester „National Philharmonic of Russia“ Erst 2003 gegründet, gilt es als eine Art Moskauer „Elite Orchester“ – gestern zeigte es jedenfalls eine starke Leistung. /..../
Der berühmte „Paukenschlag“ ist für viele Konzertgänger wahrscheinlich keine Überraschung mehr. Ihnen haben die russischen Künstler trotzdem viel Freude bereitet – wie der große Applaus bewies.
MOZART MIT WILDEM HERZEN UND SANFTER HAND
MATINEE MIT VANESSA PEREZ UND LUZERNER SINFONIEORCHESTER IM KONZERTHAUS
Soweit in die Moderne, bis zu Prokofjew, geht die Mozart Gesellschaft selten. Aber für das quirlig, mit viel Präzision und Spaß an musikalischer Raffinesse spielende Luzerner Sinfonieorchester war die „Klassische Sinfonie“ von Prokofjew, dem „Mozart der Moderne“, die beste musikalische Visitenkarte.
/.../ Mit viel innerer Spannung füllte der Chefdirigent des Orchesters, John Axelrod, die Prokofjew-Sinfonie, ließ die gut 40 Musiker die Farbigkeit des Werks und den melodischen Witz und Überschwang /.../ pointiert herausstellen. Vorzügliche Bläser hat das Luzerner Orchester und eine Streichergruppe, die mit viel Temperament das grotesk kichernde Thema im turbulenten Finale vorüberziehen ließ.
/.../ Wie sehr sich Solostimme und Orchesterklang durchdringen, machte Axelrod hörbarer als andere Dirigenten. Eine ideale Partnerin war die 28jährige Stipendiatin der Mozart Gesellschaft, weil sie in ihrem Spiel viel spontane Frische und sanfte Poesie vereint. Eine Virtuosin mit wildem Herz und weicher Hand ist Vanessa Perez.
Beethovens 4. Sinfonie /.../ passte perfekt ins Programm. /.../ Die klaren Linien und die Spannungen zwischen empfindsamer Melodik und akzentbeladener Rhythmik, lotete das Orchester wunderbar aus. /.../
ZWEI MOZART-KULTUREN TRAFEN AUFEINANDER
Vanessa Perez geht ihre Aufgabe mit Herzblut an: Konzentriert, aber impulsiv agiert die junge Pianistin aus Venezuela an ihrem Instrument. Am Sonntag war sie im Konzerthaus zu hören.
Als Gast der Mozart-Gesellschaft präsentierte die Venezolanerin mit Mozarts d-Moll-Klavierkonzert KV 466 ein Werk, das im ersten Satz von dunklen Klangfarben bestimmt ist. Perez würzt den Vortrag mit viel Pathos und scheut auch nicht vor intensiven, teils heftigen Hervorhebungen zurück. Hörbar tritt sie das Pedal, um ihre Akzentuierungen zu unterstützen./.../
Die Luzerner konnten bei Ludwig van Beethovens Sinfonie Nr. 4 ihre Stärken ausspielen: Dynamisch und durchaus klanglich kultiviert machte das Orchester das Werk zu einem kurzweiligen Erlebnis. /.../
Ebenso gelang bei der „Symphonie classique“ von Sergej Prokofjew ein fast sogartig dahinrasendes Finale, bei dem sich verschiedene Klangebenen passend mischten – hier zeigte sich einmal mehr die Sensibilität des Dirigenten für einen schlanken Gesamtklang./.../
BAROCKMUSIK REGTE AN- UND "L'ORNAMENTO" BERUHIGTE BEI DER MOZART GESELLSCHAFT
/.../ Dass ein Ensemble aus vier so exzellenten Solisten besteht, ist ein Glücksfall. Die vitale spielfreude, die Barockmusik frisch, quasi improvisiert klingen lässt, begeistert an den Interpretationen von Juliane Heutjer (Blockflöte), Katharina Heutjer (Barockvioline und Blockflöte), Jonathan Pesek (Barockcello) und Sebastian Wienand (Cembalo). Imposant ist die ausgeprägte Klangfantasie, mit der das Quartett die Telemann-Sonate und das Weihnachtskonzert von Corelli transparent und luftig klingen ließ.
Der Name „L’Ornamento“ hielt auch im Flötenkonzert von Vivaldi, in der Cello-Sonate von Gabrielli und den Cembalo-Sonaten von Scarlatti, was er verspricht. Äußerst geschmackvoll und stilsicher verzieren und phrasieren die vier Musiker, die sich erstaunlich jung auf Alte Musik festgelegt haben. Zart und mit feinem Bogenstrich webten die Streicher Melodiefäden in der Triosonate von Telemann, seidig klang ihr Ton in „Paul’s Steeple“, einem mit vielen Klangeffekten gespickten Werk. Und rasant und hochvirtuos zündeten die Flötistin und der Cembalist ein Technik-Feuerwerk in Vivaldis Flötenkonzert und den Scarlatti-Sonaten. In einer Bravour, die unaufgeregt und trotzdem hoch inspirierend klang.
HUMOR UND SPIELFREUDE OHNE KLISCHEES
/.../Im Harenberg-City Center agierten die vier Musiker weit abseits jener gepflegten Langeweile, die das Klischee-Bild der Konzerte mit Alter Musik mitunter prägt. Frisch, voller Engagement und mit enormem Einfallsreichtum gehen sie unbefangen mit den Werken um: Die Augen kleben nicht am Notentext, stets wird mit Blicken Kontakt aufgenommen. Gerade Juliane Heutjer, die ein ganzes Arsenal an Blockflöten erklingen lässt, und die Violinistin Katharina Heutjer interagieren ständig, um die Melodielinien abzustimmen. Jonathan Pesek am Cello und Sebastian Wienand (Cembalo) sorgen für ein exakt ausgearbeitetes, aber farbiges Continuo-Fundament, nutzen sie doch stilsicher und spielfreudig den Freiraum für improvisatorische Elemente. Hier liegt die besondere Qualität des Ensembles: Alle schöpfen aus einem riesigen Fundus an Verzierungen, so dass auch spontan aufeinander eingegangen werden kann. Dass das Ganze noch mit einem humorvollen Augenzwinkern präsentiert wird, macht es dem Zuhörer noch leichter, sich auf die Klangwelt der Alten Musik einzulassen. Das „Ensemble l’ornamento“ ist leuchtendes Beispiel für ein positiv besetztes Musikantentum: Die Lust an der Musik und enorme instrumentaltechnische Fähigkeiten treffen aufeinander; die Spielfreude der Künstler ist Garantie für Hörfreude der Zuschauer. /.../
MEISTER DES BRILLANTEN TONS SCHUF KRISTALLKLÄNGE
VIERTE MOZART-MATINEE IM KONZERTHAUS
Erst seit 2007 ist Ariel Zuckermann Chefdirigent des Georgischen Kammerorchesters. Und mit seinem genauen Dirigat ist der 34-Jährige dabei, bei dem Ingolstädter Ensemble neue Maßstäbe zu setzen – auch gestern in der Matinee der Mozart-Gesellschaft im Konzerthaus.
Routiniers sind die Musiker des Orchesters; das unterscheidet sie von Ensembles, die mit jüngeren Musikern und einem frischen, unbekümmerten Spiel bei der Mozart Gesellschaft aufgetrumpft haben. Zum Solisten, dem russischen Pianisten, Boris Giltburg, hätte etwas mehr Spontaneität gut gepasst. Einen glockenklaren Anschlag hat der 23 Jahre junge Stipendiat der Mozart Gesellschaft, frisch und lebendig spielte er Mozarts 15. Klavierkonzert KV 450 – mit kristallklaren Tönen im 1. Satz, einem sehr klar auf die Tasten getupften musikalischen Pointillismus im Rondo und vielen Nuancen im Anschlag im langsamen Variationssatz. Als Meister des brillanten Tons wird man Giltburg in Erinnerung behalten.
Rokokohafte Grazie entlockte er [Ariel Zuckermann] seinen Musikern in Mozarts Sinfonie Nr. 34 KV 338 – noch etwas mehr von dem überschwänglichen Geist und Spiel, das aus dem Finale klang, hätte man der Sinfonie gewünscht.
Haydns letzte Londoner Sinfonie hatte diesen Esprit im Finale. In den anderen Sätzen imponierten mehr die sorgsame musikalische Ausarbeitung des Orchesters und Zuckermanns kluge dynamische Schattierungen. /.../
JUNGER PIANIST BEWIES WILLEN ZUR GESTALTUNG
Schablonenhaftes Agieren am Instrument ist ihm fremd: Der 23jährige Pianist Boris Giltburg hauchte im Konzerthaus dem B-Dur Klavierkonzert KV 450 musikalisches Leben ein.
Der junge Russe – Stipendiat der Mozart Gesellschaft Dortmund – nimmt sich von Beginn an die Freiheit und gibt dem Kopfsatz einen beinahe improvisatorischen Charakter. Was jedoch keineswegs Willkür in Ton- oder Strukturgebung bedeutete: Klangliche Abstufungen gestaltete Giltburg bewusst bis hin zu auf Brillanz getrimmten Diskant-Passagen mit ihren technischen Finessen.
Im zweiten Satz, dem Andante, folgte er einem ganz anderen Klangideal: Sensibel geführte Streicher unterstützten den Solisten, der der Melodielinie und sogar den Begleitfiguren eine lyrische Färbung zu geben vermochte.
/.../ Das Georgische Kammerorchester unter der Leitung von Ariel Zuckermann ließ dem Solisten die Luft zum Atmen. Der schlanke Sound des /.../ gefiel auch in den weiteren Werken dieser Mozart Matinee: Voller Schwung agierten die Musiker bei Mozarts 34. Sinfonie (KV 338), in der Zuckermann vor allem Wert auf das Herausstellen von Kontrasten und klanglichen Nuancierungen legte. /.../
Das Finale ist geprägt von einem kroatischen Volkstanz-Thema. Hier ging es dann wieder mit soviel Schwung zur Sache, dass den Künstlern großer Applaus sicher war.