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PRESSE KONZERTSAISON 2011/2012

RUHR NACHRICHTEN, 9. April 2011

MOZART GESELLSCHAFT PRÄSENTIERT NACHWUCHS-TALENTE
Matinee-Reihe mit Stipendiaten
Junge Musikalische Talente zu fördern und mit renommierten Orchestern zusammenzubringen, hat sich die Mozart Gesellschaft  Dortmund zur Aufgabe gemacht. 
Auch in der neuen Spielzeit 2011/12 ist das Programm vielfältig und präsentiert in den Sonntags-Matineen im Konzerthaus Dortmund um 11.00 Uhr Stipendiaten aus Korea, Russland, Armenien, Belgien, der Ukraine und Deutschland. 
Mit dem Remnant Piano Duo startet die Saison am 18. September. Die 23-jährigen Schwestern Hee Jin und Hyun Joo June spielen Mozarts einzige Sonate für zwei Klaviere, D-Dur (KV 448) sowie Werke von Chopin, Saint-Saens und Rachmaninov. Beide wurden mit dem 2. Preis beim ARD-Musikwettbewerb ausgezeichnet. 
Der Petersburger Violinist Sergey Dogadin begleitet als Solist am 9. Oktober das English Chamber Orchestra. Sie spielen neben der Sinfonie Nr. 29 A-Dur (KV 201) das Konzert für Violine und Orchester Nr. 3 G-Dur (KV 216).
Mit der gebürtigen Armenierin Nareh Arghamanyan am Klavier eröffnet die Matinee am 20. November. Die Ouvertüre zu „Don Giovanni“ steht dann auf dem Programm, ebenso wie die 7. Sinfonie von Beethoven. Nareh Arghamanyan gewann 2008 den 1. Preis des Musikwettbewerbes in Montreal.
Daran knüpft das Adventskonzert am 4. Dezember (16 Uhr) im HCC an. Eine Adaption von „Don Giovanni“ in 100 Minuten präsentiert das Pariser Ensemble „Viva la Musica“ mit Eva Ganizate in der Rolle der Donna Elvira.
Am 20. Januar geht die Reihe mit Annika Treutler am Klavier ins Jahr 2012. Die 20-Jährige wird begleitet von den Bochumer Symphonikern, sie spielen neben Mozart auch Brahms Sinfonie Nr. 2. Sinfonien von Haydn und Mendelssohn-Bartholdy umrahmen Mozarts Klarinettenkonzert mit der Solistin Annelien van Wauwe am 26. Februar. Mit einem Doppel an der Violine endet die Saison am 25. März: Mariya Karsnyuk und ihre Lehrerin Ariadne Daskalakis werden begleitet von der Kammerakademie Potsdam. Auf dem Programm Vivaldi und Bach. *Bär

WESTFÄLISCHE RUNDSCHAU, 11. April 2011

EIN STELLDICHEIN DER TALENTE
Mozart Gesellschaft stellt neue Stipendiaten vor – Programm für Kenner
1956 wurde sie gegründet, mit der Spielzeit 2011/2012 geht sie in die 56. Runde – und ist doch kein Stück gealtert: Die Mozart Gesellschaft Dortmund ist mit sieben neuen Stipendiaten breit aufgestellt.
Die Saison beginnt vierhändig: Die 23 Jahre jungen Koreanerinnen Hee Jin June treten am 18. September im Konzerthaus unter anderem mit Wolfgang Amadeus Mozarts Sonate zu vier Händen F-Dur KV 497 ans Piano. 2010 sind die Stipendiatinnen der Mozart Gesellschaft als „Remnant Klavierduo“ als Preisträger des internationalen Musikwettbewerbs der ARD aufgefallen. Auch der russische Violinist Sergey Dogadin war 2009 zu dem Wettbewerb angetreten – in seinem Fall war wiederum das Ausscheiden kurz vor dem Finale der Grund für die Aufnahme als Stipendiat. „So fangen wir talentierte Künstler auf, die nicht die nötige Aufmerksamkeit bekommen“, sagt Geschäftsführerin Karen Ann Bode. Dogadin wird am 9. Oktober mit dem English Chamber Orchestra das Konzerthaus bespielen.
Am 20. November folgt laut Bode ein „Leckerbissen“: Mozarts Ouvertüre zu „Don Giovanni“. Die 21-jährige Armenierin Nareh Arghamanyan erhält in diesem Jahr die Sonderförderung des Ausbildungsstipendiums durch die Dumcke-Stiftung durch die Dumcke Stiftung. Es wird nicht das einzige Schmankerl bleiben. Nach einer Adaption des kompletten „Don Giovanni“ beim Adventskonzert im Harenberg City Center am 4. Dezember, 16 Uhr, spielt mit der Pianistin Annika Treutler am 22. Januar die einzige deutsche Stipendiatin auf. Und zwar neben Mozart auch mit Brahms Sinfonie Nr. 2 D-Dur aus dem Werk 73. Statt gezupfter und gestrichener Saiten stehen bei der niederländischen Klarinettistin Annelien van Wauwe am 26. Februar klanggewordene Atemtechniken im Vordergrund. Den Schlussstrich setzen am 25. März Ariadne Daskalakis, jüngste Geigenprofessorin Deutschlands, und ihre Schülerin Mariya Krasnyuk.

RUHR NACHRICHTEN, 19. September 2011

SCHNEESTURM AM KLAVIER
Konzert: Remnant Duo eröffnete Saison der Mozart Gesellschaft Dortmund mit Entdeckungen
Die Stipendiatinnen der Mozart Gesellschaft sind 24 und 27 Jahre jung, man würde sie aber glatte zehn Jahre jünger schätzen. Technisch sind die Schwestern, die am Rimski-Korsakow-Konservatorium den letzten Schliff bekommen, bereits perfekt.
Wie ein Laufrädchen schnurrten sie Mozarts Sonate für zwei Klaviere KV 448 herunter – ein Vergnügen zuzuhören. Chopins Rondo op. 73 war danach kein übermütiges Kehrauswerk, klang aber hochglanzoberflächenpoliert unter den Händen der beiden Zweitplatzierten beim letzten ARD-Wettbewerb.
Saint-Saens Variationen über ein Thema aus Beethovens Klaviersonate op. 31, 3 reihte sich ein in die Folge von Konzertsaal-Entdeckungen, war vorsichtig ertastet. Die vielen Farben und feinen Nuancen, die das Spiel der Schwestern hat, hörte man hier sehr schön.
Bedeutungsschwerer klang der zweite Mozart der Matinee, die Sonate für vier Hände KV 497 – ein Prolog zu Rachmaninows „Fantasie tableaux“, in dem die Schwestern erst eine Barcarole auf dem Wasser glitzern ließen, dann Nachstimmungen beschworen, Tränen in der Musik fließen ließen, und am Schluss österliches Glockengeläut mit so viel Kraft anstimmten, als ob alle Glocken Moskaus gleichzeitig läuten würden. Ungewöhnlich waren auch die Zugaben: „Travel in Nevsky Prospect“ von Sapoznikov und ein flotter Marsch im Schneesturm von Sviridov.

WESTFÄLISCHE RUNDSCHAU, WAZ, 19. September 2011

VIRTUOSES SPIEL – UND TRAUMHAFT SCHÖN
Laut Langenscheidt ist „remnant sale“ Restverkauf. Um herauszufinden, warum die koreanischen Pianistinnen Hee Jin June und Hyun Joo June als „Remnant Piano Duo“ firmieren, muss man anderswo nachschlagen: in der Bibel. Da, bei Jesaja, ist Remnant der letzte Verkünder der Menschheit.
Die Junes, 24 und 27 Jahre alt, sind nicht nur tief gläubige, sondern auch hoch virtuose Wesen. Letzte Verinnerlichung ihres Spiels suchen die Schwestern am Rimsky-Korsakoff-Konservatorium in St. Petersburg. In Dortmund sind sie Stipendiatinnen der Mozart Gesellschaft Dortmund. Das führt sie ins Konzerthaus.
Sie eröffnen die erste Mozart-Matinee mit der Wolfgang Amadeus Sonate für zwei Klaviere D-Dur KV 448. Das ist ein Werk, das sich – vor allem im Mittelsatz (Andante) – eine schwelgerische, fast überbordende Fülle an eingängigen Themen erlaubt. Die Junes geben ihnen eine schwebende von den Konventionen losgelöste Leichtigkeit, die Interpretation ist traumhaft schön. Oder sind es die beiden Steinways, die den Schwestern die Hände führen? Den Unterschied zwischen „für zwei Klaviere“ und „für Klavier zu vier Händen“ erkennen die Zuhörer nach der Pause. Für die Mozart-Sonate F-Dur KV 497 rücken die Schwestern an nur ein Instrument, und, siehe da, der Klang verliert an Breite, die Politur stumpft ab. Mozart kehrt zurück zu sich selbst.
Von Frédéric Chopin hört man das frühe Rondo für zwei Klaviere C-Dur op. 73, dem der typische blaue Klang noch nicht anhaftet. Als erstaunlich resistent gegen die Steinway-Färbungen erweisen sich Camille Saint-Saens Variationen für zwei Klaviere op. 35 – es sind Beethoven- (und ein wenig auch Bach-) Variationen.
In Sergej Rachmaninows Suite „Fantasie“ (Nr. 1 g-Moll op. 5) lassen die Schwestern noch einmal dem virtuosen Furor freien Lauf: Im Schlussstück klirren die Osterglocken, als seien sie auf rasende Schlitten gespannt. *Rainer Wanzelius

RUHR NACHRICHTEN, 10. OKTOBER 2011

MOZART-BRÜCKEN ÜBER EIN HALBES JAHRHUNDERT
Edel-Ensemble bei Matinee im Konzerthaus
Nur die älteren der treuen Mitglieder der Mozart Gesellschaft werden sich noch an Kurt Guntner erinnern. Der Geiger, der am selben Tag wie Mozart Geburtstag hat (27. Januar) war vor 50 Jahren der erste Stipendiat der Gesellschaft. Der Petersburger Geiger Sergey Dogadin erinnerte gestern bei der Mozart Matinee an seinen nun 72-jährigen Vorgänger: Er spielte seine Kadenzen in Mozarts 3. Violinkonzert.
Der 23-jährige Russe könnte eine ähnliche Karriere machen wie Guntner, der 22 Jahre Konzertmeister der Bayerischen Staatsoper, dann der Münchner Philharmoniker war. So lebendig und Lupenrein, so substanzvoll und elegant hört man das Konzert, das erst vor neun Tagen mit Veronika Eberle im Konzerthaus erklang, nicht oft.

Star-Orchester

Mit viel Vibrato und Kraft spielt Dogadin auf der Geige, aber er hat auch schon die Ruhe und Reife, um überirdisch schön einen langsamen Satz auszusingen. Was er technisch auf dem Griffbrett zaubern kann, hörte man in der Zugabe, eine der „Molinara“-Variationen von Paganini. Der Star der bis auf Zugabe (Schuberts „Moments musicale“) reinen Mozart-Matinee war eigentlich das Orchester: das English Chamber Orchestra, eines der besten Kammerorchester der Welt, ein Edelensemble, das auch ohne Dirigent gut auskommt und seit 20 Jahren von Konzertmeisterin Stephanie Gonley geleitet wird.

24 Streicher

Mit Mozarts Sinfonie Nr. 29, einer der schönsten frühen Sinfonien, eröffneten die Briten das Programm. Frisch, vital, zügig, hübsch borstig, energisch und temperamentvoll spielten sie das Werk des 18-jährigen Mozart. Nach der Pause folgte geistvolle Unterhaltungsmusik, das Divertimento KV 334. Alle Qualitäten einer Sinfonie zeigten die 24 Streicher und zwei Hörner in den sechs Sätzen: Festliche Klänge, fein ausgearbeitete Tanzmusik, ein behutsam intoniertes Adagio, ein derberes Menuett und quirliges Rondo-Finale. Vorzüglich. *JG

Westfälische Allgemeine Zeitung (WAZ), 11. Oktober 2011

KLANGLICHE INTENSITÄT BEI MOZART MATINEE
Solist Sergey Dogadin und das English Chamber Orchestra überzeugen im Konzerthaus
Liebhaber von Interpretationsvergleichen kamen auf ihre Kosten: Innerhalb weniger Tage kam Wolfgang Amadeus Mozarts Violinkonzert G-Dur (KV 216) zu zwei durchaus unterschiedlichen Aufführungen. Während sich Veronika Eberle zuletzt eher filigranen Klängen gewidmet hatte, ging Sergey Dogadin in die Vollen: Mit starkem Vibrato unterstrich der 23jährige Russe seinen virtuosen Zugange und setzte (im ersten Satz bisweilen etwas übertrieben) auf expressive Klänge. Dogadin hatte die Kadenz aus der Feder eines seiner Vorgänger gewählt: Kurt Guntner war 1961 der erste Stipendiat der Dortmunder Mozart Gesellschaft.
Die klangliche Intensität des Solisten stand in interessantem Kontrast zum Orchester: Das „English Chamber Orchestra“ pflegte ein ansprechendes Piano. Nicht einmal 30 Musiker sorgten für eleganten Mozart-Sound, machten aber klar, dass eine kleinere Besetzung nicht zwangsläufig zu einem ausgedünnten Klangbild führen muss.
Unter der Leitung von Konzertmeisterin Stephanie Gonley legten die Musiker Wert auf akkurate Intonation. Mit Ernsthaftigkeit gingen sie die A-Dur Sinfonie KV 201 an, stets mit dem Sin fürs Detail. Allein das gekonnte Verklingen-Lasse von Schlusstönen im Andante war bemerkenswert und offenkundig Ergebnis intensiver Probenarbeit.
Das Divertimento Nr. 17 gestalteten die englischen Künstler etwas lässiger. Das geschmeidige, klare Klangbild des Ensembles war jedoch zu keiner Zeit in Gefahr.
Den Künstlern dieser Mozart-Matinee war der Applaus vor ausverkauftem Haus sicher – belohnt wurde er durch Zugaben: Dogadin erstaunte mit einer mitreißenden Caprice Niccolò Paganinis; das Orchester zog mit Franz Schuberts Moment Musical f-Moll nach – in einer ansprechenden Version für Streichorchester.
*Burkhard Sauerwald

Ruhr Nachrichten, 21. November 2011

WIENER BAROCK MIT GALOPP UND ROMANTIK
Mozart Matinee im Konzerthaus
Neue Maßstäbe setzte Wolfgang Amadeus Mozart mit seinem 20. Klavierkonzert (KV 466). Es diente sogar Ludwig van Beethoven als Vorbild, der zwei Kadenzen für das d-Moll Konzert schrieb. Diesen Bogen zwischen den beiden bedeutendsten Komponisten der Wiener Klassik schlug am Sonntag die Mozart Matinee im Konzerthaus mit Mozarts erstem Moll-Klavierkonzert und der 7. Sinfonie von Beethoven mit den Stuttgarter Philharmonikern unter der Leitung von Gabriel Feltz.
Eine große Zukunft vor sich hat zweifellos Nareh Arghamanyan, die Mozarts 20. Klavierkonzert interpretierte. Die mehrfach preisgekrönte Stipendiatin der Mozart Gesellschaft gehört schon jetzt zu den Besten der jungen Pianistengeneration. Die 22-Jährige gab dem Werk viel romantische Tiefe. Extrem spannungsreich und virtuos legte sie vor allem die Beethovenschen Kadenzen an – ähnlich wie später auch ihre Zugaben, eine elegisch dargebotenen Sonate von Domenico Scarlatti und den virtuosen Säbeltanz ihres armenischen Landsmannes Aram Khatchaturiuan.
In Beethovens Siebter bewies Gabriel Feltz am Pult der Stuttgarter Philharmoniker viel Gespür für die rhythmische Differenzierung des Werks, das wohl zu den effektvollsten des Komponisten gehört. Dirigent und Orchester bewiesen den nötigen Atem vor allem für das Wechselspiel der Instrumentengruppen. Energievoll führte der Stuttgarter GMD durch den tänzerischen dritten und den stürmischen vierten Satz, der Beethoven die Bemerkung Carl Maria von Webers einbrachte, er sei wohl „Reif fürs Irrenhaus. Heute freut man sich über so viel Galopp“. „Bei der Siebten ist der Beifall mit komponiert“, stellte Kritiker-Papst Joachim Kaiser fest. Der Applaus war am Ende auch den Philharmonikern und Gabriel Feltz gewiss. *Oli

Westfälische Allgemeine Zeitung, WAZ, 21. November 2011

KLAVIERKONZERT ÜBERZEUGT MIT KLEINEN ABSTRICHEN
Manche lassen Zugaben mehr aufhorchen als das „Originalprogramm“. So auch am Sonntag bei der Mozart Gesellschaft, als die aktuelle Stipendiatin der Dortmunder Mozart Gesellschaft, Nareh Arghamanyan, als zweite Zugabe Chatschaturjans „Säbeltanz“ in einer überaus virtuosen Version für das Klavier präsentierte.
Nichtsdestoweniger gelang ihr auch Mozarts 20. Klavierkonzert recht überzeugend: Im ersten Satz setzte die armenische Pianistin kräftige dynamische Akzente, perlend gelangen ihr die Läufe, von hinreißender Schlichtheit war der Beginn des Mittelsatzes. Hier entfaltete sie spannungsvolle, sangliche Melodiebögen.
Die Stuttgarter Philharmoniker unter der Leitung von Gabriel Feltz begleiteten sie zuverlässig, schufen vor allem im zweiten Satz einen filigranen Klangteppich. Recht flott hatten sie die Matinee mit der Ouvertüre zu „Don Giovanni“ eingeleitet, leider wirkten vor allem die raschen Passagen durch das zügige Tempo teilweise ein wenig flüchtig. Dieser Eindruck verstärkte sich dann in Beethovens siebter Sinfonie: Im dritten und vierten Satz klang manche Passage ein wenig gehetzt, hier und da hätte man sich etwas mehr rhythmische Präzision gewünscht. Insgesamt aber ein recht schönes Konzert.*Martina Lode-Gerke

Ruhr Nachrichten, 6. Dezember 2011

„DON GIOVANN“ ALS MUNTERES MASKENSPIEL
Oper: Bei der Mozart Gesellschaft Dortmund
Fast alle Werke von Mozart sind in den Konzerten der Dortmunder Mozart Gesellschaft schon aufgeführt worden – bis auf die Opern. Der „Don Giovanni“ am Sonntag im Harenberg-Haus war in vielfacher Weise etwas ganz Besonderes: ein hinreißendes Maskenspiel mit Licht und Kostümen des fanzösischen Ensembles „Viva la Musica“ aus Paris.
Mit einfachen Mitteln, tollen Stimmen und ihrem munteren Spiel haben die Franzosen die Da Ponte-Oper vor einem Stoff-Vorhang auf die Bühne gebracht (Regie: Isabelle du Boucher). Auch zwischen den Stuhlreihen und von den Galerien sang und spielte das Ensemble. Diese schöne Produktion ist eigentlich zu schade für die Halle, die mit Säulen teilweise für Sichtbehinderungen sorgte und akustisch mit viel Nachhall dafür nicht vorteilhaft ist.
Den Orchesterpart übernahm Romain David am Klavier – eine bravouröse Leistung. Geschickt auf zwei Stunden komprimiert haben die Franzosen die Geschichte vom Casanova Giovanni. Klug war, vor allem im zweiten Akt die in französischer Sprache gesungenen Rezitative zwischen den italienischen Arien zu kürzen.
Einen wunderbaren Don Giovanni, der nicht nur die Champagnerarie flott und mit viel Esprit sang, hatte die Produktion mit Philippe Brocard. Und eine charmante Zerlina – ein französisches Mädchen zum Verlieben mit glasklarer Stimme und viel Ausstrahlung.
Die dramatischeren Sopranistinnen in den Rollen von Donna Anna und Elvira klangen in der Akustik etwas scharf, waren aber mit Elan gespielt. Wie auch der Leporello von Olivier Ayault. David Ghilardi sang einen sanften Ottavio, Nicolas Certinais war ein sattlicher Komtur.
In der Friedhofsszene am Schluss gab es sogar Theaterzauber – mit Geräuschen und einem Todesengel, der an Munchs „Schrei“ erinnerte. Von dieser Gruppe möchte man gerne mehr Oper sehen. *Julia Gaß

Westfälische Allgemeine Zeitung, WAZ, 6. Dezember 2011

DON GIOVANNI IN DEN REIHEN
Adventskonzert der Mozart Gesellschaft bereitet Klassisches modern auf
Jeder, der schon einmal in der Bahn über Sex gesprochen hat, kennt das Phänomen: Sobald nackte Tatsachen ins Spiel kommen, drehen sich Köpfe, und kommen mindestens zwei Gespräche abrupt zum Halt.
Wenn es danach ginge, hätte das Adventskonzert der Mozart Gesellschaft heftigste Reaktionen auslösen müssen. Das Ensemble Viva la Musica aus Paris führte am Sonntag Mozarts „Don Giovanni“ in der gläsernen Halle des Harenberg City-Center auf. Und weil sich in dieser Oper eben fast alles nur um das Eine dreht, wäre ein Publikumserfolg programmiert gewesen. Doch das Ensemble durfte nach dem Finale nur ein einziges Mal auf die Bühne zurückkehren, danach versandete der Applaus.
Philip Brocard spielte den Testosteronbolzen Don Giovanni. Lausbubgrinsen, breitschultrig und mit Drei-Tage-Bart stellt er notorisch jeder Frau nach. Sein Spektrum reicht vom Streichen über die Wange bis zur versuchten Vergewaltigung. Dabei ist Don Giovanni kein Unsympath.
Das Ensemble unter der Leitung von Isabelle du Boucher führte das Stück mit wenigen Mitteln auf: Anstatt eines Orchesters gab es Romain David am Klavier. Den Sängern gelang es dennoch, mit beeindruckender Körperspannung und grandioser Situationskomik die fast leere Bühne singend und spielend auszufüllen. Auf seiner Flucht vor der weiblichen Rache sprang Don Giovanni durch die Reihen, manchmal flirtete er eine Zuschauerin an. Das junge Ensemble wirkte herrlich gelöst und authentisch. Und selbst, wenn man weder die italienischen Arien noch die französischen Dialoge verstehen konnte, war die Körpersprache eindeutig. Diese staubfreie Interpretation des Stoffs, aus dem Männerträume sind, kam direkt aus dem täglichen Drunter und Drüber. Eine Komödie, witzig auch ohne Strukturanalyse. Genau der Weg, um Klassik unverkrampft zu vermitteln.* Niklas Rudolph

Ruhr Nachrichten, 23. Januar 2012

BOSYS BEI MOZART MATINEE: HÖHENFLUG TROTZ SLOANES HANDIKAP
Bis zu Brahms wagt sich die Dortmunder Mozart Gesellschaft selten vor. Im Mittelpunkt der stets ausverkauften Matineen im Konzerthaus Dortmund steht Wiener Klassik. Für das Konzert gestern mit den Bochumer Symphoniker lohnte der Abstecher in die Romantik: Brahms zweite Sinfonie war das Ereignis dieser Matinee.
Steven Sloane dirigiert ohne Taktstock und mit verbundener linker Hand, nachdem er sich Silvester den Taktstock in die Hand gerammt hat. Aber auch einarmig ist der Bochumer Generalmusikdirektor besser als viele seiner Kollegen.

Qualitäten ausgespielt

Kontrastreich legte er Brahms' Zweite an, ließ die Musik in den ersten Sätzen organisch fließen, lotete die Dynamik fein aus und steuerte stringent auf das Jubelfinale zu. Mit einer sehr guten Bläsergruppe und einigen Aushilfen von den Dortmunder Philharmonikern waren die Bochumer in die Nachbarstadt gekommen und blühten wieder einmal auf, weil dieses Orchester in der guten Akustik des Konzerthauses seine Qualitäten richtig gut ausspielen kann. Entsprechend farbig und enthusiastisch am Schluss klang die Sinfonie. Ein Gegenstück zur grüblerischen, in kammermusikalischer Besetzung von nur 30 Musikern gespielten Haydn-Sinfonie "Der Philosoph", die noch barocken Charakter hat.

Pianistin Annika Treutler

Zu der passte die Solistin in Mozarts Klavierkonzert KV 472: Stipendiatin Annika Treutler. Sie ist eine ruhige Pianistin, die dem konzertanten Orchesterpart einen schönen Ton entgegensetze. Mit Kraft konnte sie sich noch nicht so sehr behaupten, dafür aber mit viel Brillanz. Ohne Orchester imponierte die 21-Jährige mehr: Ihre Chopin-Mazurka als Zugabe hatte viel Ausdruck.

Westfälische Allgemeine Zeitung, Westfälische Rundschau, 23. Januar 2012

HERR SLOANE UND DER VERZICHT AUF DEN TAKTSTOCK
Steven Sloane ging auf Nummer sicher und bestritt die gestrige Mozart Matinee vollständig ohne Taktstock. Trotz seines Dienstunfalls, bei dem er sich die Spitze des hölzernen Taktstocks ins linke Handgelenk gerammt hatte, leitete der Dirigent seine Bochumer Symphoniker mit agiler Gestik – wenn auch die lädierte Hand noch ein wenig geschont wurde.
Die Zahl „zwei“ stand im Mittelpunkt eines gefälligen Programmes – neben Johannes Brahms 2. Sinfonie gab es Wolfgang Amadeus Mozarts Klavierkonzert Nr. 22 sowie die 22. Sinfonie von Joseph Haydn. Diese trägt den Beinamen „Der Philosoph“, und so ging Sloane zunächst bedächtig in den Adagio-Kopfsatz hinein; seine Musiker kreierten transparente, fast abgezirkelte Klanggruppen. Mit zwei Englischhörnern anstatt Oboen sind die Bläserklänge etwas gedeckter gefärbt als in anderen vergleichbaren Werken – was vor allem im flotten Presto zu interessanten Klangeindrücken führte.
Solistin beim Es-Dur-Klavierkonzert war die 21-jährige Annika Treutler. Die Pianistin aus Detmold machte ihre Sache ordentlich, vor allem, weil sie der Versuchung widerstand, unnötige Showeffekte einzubauen. Bisweilen war sie sogar zu zurückhaltend, vielleicht, weil sich in den ersten einige Holprigkeiten eingeschlichen hatten. Das abschließende Presto war deutlich akkurater, und hier kam dann auch manch individuelle Note der Künstlerin zum Vorschein, die in dieser Spielzeit zu den Stipendiaten der Dortmunder Mozart Gesellschaft gehört.
Dem Melodien- und Klangfarbenreichtum in Brahms zweiter Sinfonie widmeten sich die „BoSy“ in größerer Besetzung. Auch hier gibt es viele dunklere Töne, wenn tiefe Klangkombinationen gefragt sind. Reizvoll war etwa die Entwicklung im zweiten Satz von gedämpften Passagen hin zum mächtigen Tutti, das Sloane auch mit einer Hand aufpeitschen und wieder in mildere Lautstärken führen konnte.

Ruhr Nachrichten, 27. Februar 2012

SECHS MINUTEN PURES KLARINETTENGLÜCK
Mozart Matinee im Konzerthaus
Im Köchelverzeichnnis (KV), dem Verzeichnis aller Mozart-Werke, ist das Klarinettenkonzert als fünftletztes Werk eingetragen. Mozart komponierte es für das 1791 sehr junge Instrument zwei Monate vor seinem Tod.
Die 24 Jahre junge Belgierin Annelien Van Wauwe (Foto) spielte das KV 622 gestern in der vorletzten Matinee der Mozart Gesellschaft im Konzerthaus. Und hinterließ mit ihrem samtigen Ton im berühmten langsamen Satz nachhaltigen Eindruck. Sechs Minuten pures Glück ist der Satz. Die Schülerin von Sabine Meyer brachte das mit langem Atem und einem wunderschönen Ton im Piano zum Klingen. Durchweg recht flotte Tempi wählte die Klarinettistin – obwohl sie durch eine Verrenkung am rechten Arm etwas gehandicapt war.
In den Routiniers vom Kölner Kammerorchester mit dem 31-jährigen Christian Ludwig am Pult hatte sie aufmerksame Begleiter. In kleiner Besetzung, mit nur 17 Streichern, spielten die Kölner vorweg die Streichersinfonie von Mendelssohn, dem Mozart der Romantik – ein Werk des 13-jährigen Mendelssohn, dem nur das Finale etwas schulmeisterlich geraten ist. Mit der selten gespielten Sinfonie Nr. 80 von Haydn verabschiedete sich das Orchester. Pointenreich und dynamisch differenziert ließ Ludwig auch hier musizieren.
In der nächsten Mozart-Saison darf sich das Publikum auf ein Wiedersehen mit dem Ensemble „Viva opera“ aus Paris freuen. Nach ihrem großen Erfolg mit „Don Giovanni“ beim Weihnachtskonzert im Harenberg-Haus bringen sie am 24. Februar 2013 eine Oper auf die Bühne des Konzerthauses. Das Adventskonzert findet dieses Jahr am 16. 12., in der Propsteikirche statt. *JG

Westfälische Allgemeine Zeitung, Westfälische Rundschau, 27. Februar 2012

Die fünfte Mozart Matinee der Saison 2011/12 im Konzerthaus bot allen Mozart-Liebhabern eines seiner schönsten Werke, das Klarinettenkonzert in A-Dur, mit einer hervorragenden jungen Solistin, Annelien Van Wauwe. Die junge Belgierin ist in dieser Saison Stipendiatin der Dortmunder Mozart Gesellschaft. Sie verfügt als vielfache Preisträgerin bereits über reiche Konzerterfahrungen, wie man hören konnte. Mit schöner Tongebung (herrliches Piano!) und spieltechnischer Meisterschaft schlug sie sogar die an diesem Tag ansonsten oft störenden Huster im Saal in ihren Bann. Die mit langem Atem ausgesungenen Kantilenen im langsamen Satz werden in Erinnerung bleiben. Als zuverlässiger, kultivierter Begleiter agierte das relativ jung und klein besetzte Kölner Kammerorchester unter der Leitung von Christian Ludwig. Sehr gestenreich und ausladend ist sein Dirigierstil, manchmal etwas ausladend für die Musik, aber das Orchester folgte ihm in allen Nuancen, musizierte lebendig und spontan. Dass die beiden anderen Werke des Programms, Joseph Haydns Sinfonie Nr. 80 in d-Moll aus dem Jahre 1784, und Felix Mendelssohn Bartoldys Streicher-Sinfonie Nr. 8 in D-Dur aus konzertdramaturgischen Gründen umgestellt wurden und das Konzert mit Mendelssohn begann, war eine weise Entscheidung. Allzu schulmäßig hätte Mendelssohns Jugendwerk am Konzertende geklungen, allzu eng wäre hier das Klangfarbenspektrum ohne Bläser gewesen. Dennoch verblüffend, welche „Compositionswissenschaft“ (ein Ausdruck höchsten Fachkollegenlobs von Haydn über Mozart) dem 13jährigen Mendelssohn schon zu Gebote stand. Haydns 80. Sinfonie ist dagegen ein unkonventionelles teils witziges, teils stürmisches Werk mit vertrackten Rhythmen und einer im ersten Satz fast schon an Gustav Mahler erinnernden Behandlung von Länderfragmeriten im fremden Kontext. Ein hochinteressantes Konzertprogramm! *Henning Thies

RUHR NACHRICHTEN, 26. März 2012

GEBURTSTAGSGRUSS VON VIRTUOSEN AUS POTSDAM
Letzte Mozart Matinee im Konzerthaus Dortmund
Mozart Divertimento KV 136 bekommen als Geburtstagsständchen nur Menschen, die Mozart sehr lieben und für ihn leben. Für Peter Wiegmann, den Vorstandsvorsitzenden der Mozart Gesellschaft, spielte die ehemalige Stipendiatin Ariadne Daskalakis gestern bei der letzten Mozart Matinee der Saison im Konzerthaus mit drei Streichern der Kammerphilharmonie Potsdam dieses Ständchen nachträglich zum 75. Geburtstag am 10. März.
„Junghänels Virtuosen“ hätten das Kammerorchester, das mit 16 Musikern im Stehen sehr lebendig und mitreißend unter Leitung von Konrad Junghänel spielte, auch heißen können. Die Freude über den Frühling und einen Vorgeschmack auf den Sommer gab es mit Vivaldi und dessen „Jahreszeiten“. Mit Glasperlenton spielte Stipendiatin Mariya Krasnyuk den „Frühling“, den Vivaldi so schön lautmalerisch mit bellenden Hunden in den Bratschen illustriert hat. Eindrucksvoll war der freie, schwebende Ton der 23-jährigen im langsamen Satz.
Ariadne Daskalakis war vor zwölf Jahren Stipendiatin und ist nun eine reife Solistin mit viel Ausstrahlung. Abgeklärt klangen die fahlen Farben in Vivaldis „Sommer“, in denen die Amerikanerin aber auch Stürme brausen ließ. Zusammen bildeten beide Geigerinnen ein harmonierendes Duo im Doppelkonzert von Bach, das sie in rasanten Tempi, mit gestochen scharfer Präzision und mitreißendem Gestus in den wie immer ausverkauften Saal stellten.
Ein Bravour-Orchester ist die Akademie aus Potsdam. Schöne Anknüpfung an Bach waren Mozart Adagio und Fuge im Barocken Stil und die kleine g-Moll Sinfonie. Die Potsdamer ließen sie – auch flott gespielt – am Schluss sehr viel sonniger als die berühmte späte g-Moll Sinfonie von Mozart klingen.
*JG

WESTFÄLISCHE ALLGEMEINE ZEITUNG, WESTFÄLISCHE RUNDSCHAU, 26. März 2012

MOZART GANZ IM GEISTE BACHS
Matinee im Konzerthaus
Die letzte Mozart Matinee der Saison stand im Zeichen der alten Musik. Zwar wurde der Vorstandsvorsitzende, Peter Wiegmann, eingangs mit einem anmutigen Mozart-Ständchen aus KV 136 zum 75. Geburtstag gratuliert, aber das war’s dann auch schon mit Anmut und Lieblichkeit. Der Rest des Programms, auch die beiden Mozart-Werke, war von der Ästhetik, der Spezialisten für Alte Musik geprägt. Konrad Junghänel, als Lautenspieler einer der weltweit bekanntesten Barockmusiker, gastierte als Dirigent mit der Potsdamer Kammerakademie – 15 Streicher plus Cembalo. Erst im letzten Werk, Mozarts g-moll-Sinfonie KV 183 aus dem Jahre 1773, kamen noch acht Bläser hinzu. Gespielt wurde im Stehen, mit energiereichem, lebendigem Streicherklang.
Im Programm wirkten auch zwei Violinsolistinnen mit: die ehemalige Mozart-Stipendiatin Ariadne Daskalakis, jetzt Professorin an der Kölner Musikhochschule, und die Stipendiatin dieser Saison, die Ukrainerin Mariya Krasnyuk. Einzeln und im Doppel spielten sie Werke von Vivaldi und Bach. „Frühling“ und „Sommer“ aus Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ klangen sehr profiliert. Naturdarstellung mit prominent gegenläufigen Akzenten, etwa der Bratschen im ersten Satz von „Der Frühling“ (oder später der Fagotte in der Mozart Sinfonie). Selbstverständliche Virtuosität war immer ins Ganze integriert; wunderbar flüssig das Zusammenspiel von Solistinnen und Orchester in Bachs Doppelkonzert d-moll BWV 1043.
*Henning Thies